Skip to content

Ohne Hoffnung.

Januar 27, 2010

Eigentlich wollte ich heute noch zu Oma ins Krankenhaus fahren. Doch Paps hat mich angerufen, um mir mitzuteilen, dass Oma inoperable innere Blutungen im Magen und Darm hat (keine Ahnung warum, ich war zu gelähmt um zu fragen), auch nicht mehr aus dem Wachkoma aufwachen wird und so gut wie jeden Moment sterben wird.

Ich hab vorhin geheult.

Und dann einen doppelten Grappa getrunken. Um gerade mal kurz nach 16 Uhr. Aber mir war danach. Und ich mag auch jetzt nicht heulen. Im Grunde heule ich nämlich jetzt nicht um Oma, sondern aus Wut, und wegen mir, aus Egoismus.

Ich fühle mich von der Situation überrumpelt, obwohl sie abzusehen war. Nicht in dem Ausmaß jetzt, aber es war eigentlich schon ein Wunder, dass sie überhaupt noch lebt, bei ihrem Krankheitsbild. Ihr Wille zum Leben war doch sehr stark, auch wenn sie etwas wehleidig tat.

Oma ist 87 Jahre alt und war bis kurz vor Weihnachten geistig noch fast hundertprozentig da und körperlich zwar angeschlagen, aber es war ok.

Dann kam sie wegen schlechten Blutwerten ins Krankenhaus. Dort erholte sie sich recht gut und kam einen Tag vor Weihnachten wieder nach Hause. Allerdings verschlechterte sich ihr Zustand wieder und sie kam nach Weihnachten wieder ins Krankenhaus. Von dort kam sie dann direkt ins Altenheim, sie wollte es auch so, war ihr doch alles irgendwie zuviel geworden, jeder Schritt, jede Bewegung. Sie war auch ständig so müde.

Eigentlich konnte ich die ganze Zeit nicht nachvollziehen, warum sie unbedingt ins Heim wollte und nicht daheim bei meinen Eltern im Haus sein wollte. Inzwischen bin ich aber froh, dass es so war und sie im Heim noch einige schöne und glückliche Momente hatte. Denn im Heim war doch rund um die Uhr jemand für sie da. Sie wurde bemuttert, musste nicht mal ihr Frühstücksbrötchen selbst bestreichen, und wurde ständig von den Pflegeschwestern geknuddelt und geherzt, weil sie meine Oma auch in der kurzen Zeit ins Herz geschlossen hatten und sie gern hatten. Auch wenn sie oft etwas wehleidig war, war sie doch ein herzlicher und pflegeleichter Mensch, im Gegensatz zu manch anderen Bewohnern im Heim, und das Pflegepersonal ging gern zu meiner Oma. Ich glaube, das tat ihr ganz gut.

Dadurch, dass sie im Heim gefallen war und schmerzhafte Prellungen hatte, war sie die letzten Tage nicht so gut drauf. Irgendwie wartete ich fast krampfhaft darauf, dass es ihr wieder besser geht und sie sich im Heim richtig eingelebt hat. Ich wollte ihr noch ein Bild malen für ihr Zimmer, mit unserem Haus und dem Garten. Und ich wollte mit ihr ihre Fotoalben durchgehen, um mit Bleistift Namen und Notizen an die Bilder zu schreiben…

Ich dachte wir hätten noch mehr Zeit…

Meine Oma, eigentlich beide Omas, standen mir schon immer näher als meine eigene Mutter. Ich habe meine Kindheit und meine Jugend bei ihnen verbracht. Ich habe gerade mit dieser, meiner Anni-Oma, alles besprechen können, jeglichen Liebeskummer…, sie war meine Verbündete, wenn ich Streit mit meinen Eltern hatte, sie hat mit mir Geheimnisse gehütet und war einfach immer da.

Letzten Freitag wurde sie von der Hausärztin wegen schlechten Blutwerten ins Krankenhaus eingewiesen. Ihr ging es zwar schlecht, aber sie war geistig noch voll da und hat mich mit einem gewissen Stolz in der Stimme gefragt, ob ihr der neue Kurzhaarschnitt nicht gut stehen würde. Und ja, er stand ihr gut. Richtig goldig sah sie aus.

Hätte ich gewusst, dass dies das letzte Mal gewesen ist, an dem sie ansprechbar ist, wäre ich länger geblieben. Aber ich fühlte mich krank und wollte nach Hause.

Schon am nächsten Tag fiel sie in eine Art Wachkoma, welches sich die Ärzte nicht wirklich erklären können. Ich wünschte, ich hätte sie in diesem Zustand nicht gesehen.

Ich glaube auch nicht, obwohl sie meine Hand gedrückt hat, dass sie überhaupt gemerkt hat, dass ich da war.

Mir ist bewusst, dass es eigentlich an ein Wunder grenzt, dass sie überhaupt so alt geworden ist. Und noch mehr als mein Vater war ich die ganze Zeit bereit, sie in Würde gehen zu lassen, weshalb ich vor zwei Wochen, als es im Heim schon mal kritisch um sie stand, die inoffizielle Meinung des Bereitschaftsarztes teilte, sie nicht ins Krankenhaus einliefern zu lassen, sondern sie im Heim zu lassen, wo es für sie stressfreier war und angenehmer.

Vielleicht wäre es auch diesmal besser gewesen, wenn sie nicht ins Krankenhaus gekommen wäre, wo sie auch versehentlich durch eine zu hohe Schmerzmedikation ins Wachkoma „gebeamt“ wurde.

Vielleicht wäre sie jetzt schon tot. Aber sie wäre in einer vertrauten Umgebung gewesen, bei Menschen, die sich um sie gesorgt hätten, im Gegensatz zum Krankenhaus, wo es erstmal keinen interessiert dass sie plötzlich geistig abwesend ist.

Sie hätte im Heim in Würde sterben können….

Verdammt! Auch wenn ich gewusst hab, wie es um sie steht, bin ich doch noch nicht bereit sie gehen zu lassen!

Und verdammt, es kotzt mich so dermaßen an, dass ich nicht mehr mit ihr reden kann!

Was soll ich jetzt bloß machen?

Advertisements
7 Kommentare leave one →
  1. Januar 27, 2010 18:00

    du kannst immer und jederzeit und ueberall mit ihr reden
    weil sie da ist
    immer und jederzeit und ueberall

    und wenn du denkst
    du findest sie nicht
    dann schau in deinem Herzen nach …

    Alles Liebe
    ;~(

  2. Januar 27, 2010 18:00

    PS: Wenn wir irgendwas tun koennen,
    sag Bescheid …
    *drueck dich*

  3. Januar 28, 2010 6:00

    Meine Großeltern sind für mich auch wie Mama und Papa. Ich kann dich so verstehen.
    Lass dir mal nen ganz dicken Knuddler hier. Und Shani hat Recht, schau in deinem Herzen nach! *bussi*

  4. mairym permalink
    Januar 28, 2010 8:00

    ach… ich versteh dich so gut. meine oma vermisse ich bis heute auch sehr und bedaure, dass ich sie nicht öfters besucht habe.
    und mein Opa folgte ihr zu schnell und ihn besuchte ich nicht einmal im krankenhaus.
    aber ich hab hier ein bild von den beiden und das steht in meinem Regal, direkt an der Wohnungstür. Ich sehe sie jeden Tag und schicke ihnen Grüße.
    Sie starben mit 67 Jahren.

    ich schicke dir viel Kraft für die nächste Zeit. *drück*

  5. taytom permalink
    Januar 28, 2010 8:00

    Es tut mir leid, das zu lesen. Was Du jetzt machen sollst, kann Dir keiner sagen. Aber warum besuchst Du sie nicht noch mal, dann kannst Du mit ihr reden, ihr alles sagen, was Du möchtest.. ob sie es versteht, weiß niemand. Aber wenn sie es tut, dann wird es sie mit Sicherheit freuen..

  6. alivenkickn permalink
    Januar 28, 2010 19:00

    mach dir keine vorwürfe . . . . . das was mit deiner oma passiert ist das konnte niemand wissen.

    besuche sie weiterhin. rede mit ihr so wie du bisher mit ihr geredet hast. sage ich all das was dir auf dem herzen liegt. sage ihr das du sie lieb hast.

    ich wünsch dir viel kraft

    lg alivenkickn

  7. Februar 21, 2010 10:00

    Liebe Karamell,

    ich komme gerade über Taytom zu dir und habe mich gefreut, bei dir stöbern zu können und dann geriet ich zu deinen Postings bezüglich deiner Oma und mir war, als würde jemand über meine Oma schreiben, die 2008 von uns gegangen ist.

    Der gleiche Ablauf wie bei euch. Weihnachten noch geistig fit und körperlich mit 91 Jahren halt angeschlagen. Januar Krankenhaus, Februar Pflegeheim und im April nach 2 Tagen Wachkoma endlich die Erlösung. Ich habe noch nie gesehen, dass ein Mensch in so kurzer Zeit so zerfällt.

    Auch mir stand meine Oma sehr nah, da auch ich bei ihr aufgewachsen bin und ich dadurch mehr Beziehung zu ihr hatte als zu meiner Mum.

    Seit dem ist das Verhältnis zu meiner Mum allerdings viel intensiver. Ich drücke dich unbekannterweise von hier aus und schaue jetzt öfter bei dir rein.

    LG Frauke

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: